Deutschland verliert (sich) auf der CES in Las Vegas

Die Autobauer, die Autozulieferer, die Autohändler und natürlich auch die Autofahrer blicken nach Las Vegas, wo diese Woche die große Technikmesse stattfindet, die stark von der Zukunft der Autobranche geprägt wird.

Deutsche Autobauer mit Sorgenfalten

Dort scheinen alle denkbaren Gegensätze aufeinander zu prallen. Die deutschen Autobauer haben ein Horrorjahr 2019 hinter sich. Sie produzierten so wenige Fahrzeuge wie seit 1997 nicht mehr. 2020 soll die Wende kommen. Aber wie soll das geschehen, wenn Utopie auf Vergangenheitsbewältigung und Realität trifft?

Aufbruch, wohin?

Es scheint alles im Umbruch, aber niemand weiß so recht wohin die Reise gehen soll. Elektoauto ja, autonomes Fahren ja, regionale und überregionale Mobilitätskonzepte ja, Verschmelzung von Hard- und Software ja. Aber für alles gilt, wann, in welcher Form, für wen und wer wird hier Gewinner sein.

VW fährt auf einer Einbahnstraße

VW jedenfalls hat sich in das bezahlbare Elektroauto regelrecht verknallt und produziert in einen Markt, der noch nicht einmal sichtbar ist. Weil es kein Mobilitätskonzept gibt, das dafür geschaffen ist. Allein die Stromversorgung und die Reichweiten reichen nicht aus, um die Mengen aufzunehmen. Lediglich hat VW seine Fahrzeuge softwaremäßig enorm aufgerüstet. Die Wolfsburger wollen das Auto neu erfinden. “Software spielt hierbei die Schlüsselrolle”, sagt VW-Markenvorstand Christian Senger, der zuständig für Digitalisierung und Software ist. In einem durchschnittlichen Fahrzeug stecken heute schon 150 Millionen Zeilen an Programmiercode.

BMW zukunftsbezogen mit angezogener Handbremse

Es sind Ein-Mann-Luxus-Minis, die BWW durch Las Vegas schickt. Klaus Fröhlich, BMW-Entwicklungsvorstand: „Der i3 Urban Suite stellt eine erste Idee dar, wie wir die Mobilität auf eine neue Stufe heben wollen.“ Doch noch ist nicht mal geklärt, wann ein zweiter Mitfahrer Platz nehmen kann oder darf.

Daimler träumt sich in die Zukunft

Daimler hingegen rückte bei der Präsentation seines “Vision AVTR” mehr die Natur als die Stadt in den Fokus. Das Konzeptfahrzeug wurde in Zusammenarbeit mit den Machern des Science-Fiction-Films “Avatar” von Regisseur James Cameron konzipiert. Es solle Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch, Maschine und Umwelt aufzeigen – ein Motiv, das auch in dem 2009 erschienenen Film eine wichtige Rolle spielt.

Diese Konzeptstudie hilft dem Träumer und Daimler-Chef Ola Källenius zwar die Keynote auf der CES zu halten und darzulegen, was vielleicht machbar ist. Doch der Spagat, den er hier vollführt ist gewaltig. Die zwar vernünftigen Nachhaltigkeitsziele sind so weit von den in naher Zukunft realisierbaren entfernt, dass die Daimler Aktionäre tränende Augen bekommen. Das gleiche gilt für die organische, metallfreie und auf der Basis von Wasser betriebene Batterie.

Sony liefert mit Hard- und Software und österreichischen und deutschen Zulieferern

Da ist es tröstlich zu sehen, dass außerhalb der deutschen Autobauerwelt viel in Bewegung geraten ist. Sony smit dem Prototyp Vision-S, welche Möglichkeiten in den technischen Entwicklungen aus dem Hause Sony stecken. Dazu zählen Software, Sensoren und Sicherheitstechnik ebenso wie ein komplettes Entertainmentsystem. “Dieser Prototyp verkörpert unseren Beitrag zur Zukunft der Mobilität”, sagte Konzernchef Kenichiro Yoshida in Las Vegas. Und Sony kooperiert mit Magna Steyr aus Österreich, aber auch den drei großen deutschen Zulieferern Bosch, Continental und ZF. Hier zeichnen sich konkrete Lösungen ab, die nicht weit von der Markteinführung entfernt sind.

Toyota auf Mobilitätskurs

Vor allem aber Toyota hat verstanden, dass es nötig ist, in Mobilitätskonzepten zu denken. Der Plan von Toyota, eine experimentelle “Stadt der Zukunft” zu bauen, um Technologien wie das autonome Fahren verstärkt in realen Umgebungen zu testen, düpiert regelrecht die deutschen Autobauer und macht sie zu Zuschauern. Firmenchef Akio Toyoda kündigte an eine kompakte “Woven City” (“Verflochtene Stadt”) zu bauen, in der zunächst rund 2000 Menschen leben – unter anderem Toyota-Mitarbeiter mit ihren Familien, Ruheständler und Forscher. Die Grundsteinlegung sei für kommendes Jahr geplant.

Und die Autofahrer: Was denken sie und wozu sind sie bereit?

Es wird nicht nur spannend zu sehen, wie sich trotz des technologischen Durcheinanders unsere Welt verändern wird. Denn letzten Endes sind wir alle betroffen. Ob wir bereit sind, ebenfalls den Wandel konstruktiv zu beeinflussen, ist eine auch in Las Vegas diskutierte Frage. Denn unser Hang zur Unabhängigkeit und großen eigenen Autos wird bleiben. Wenn das so ist, dann werden die Autobauer für eine Scheinwelt produzieren, die auf die Realität der verstopften Straßen und Städte trifft.

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Über den Autor

Dr. Peter Braun, Herausgeber

Dr. Peter Braun ist auch Leiter des Kognos Instituts, das sich mit der Trend- und Zukunftsforschung und dem Zukunftsmanagement beschäftigt.